Bessunger Buchladen

Klein, fein, gleich nebenan

Mit Büchern erfolgreich im Digitalzeitalter

Geht das? Mitten im Leben noch mal neu durchstarten – aber keinesfalls als „Aussteiger“, sondern als „Einsteiger“? Eleonore und Alfred Hofmann sind dieses Wagnis bewusst eingegangen, als sie vor knapp zehn Jahren den „Bessunger Buchladen“ übernahmen – mitten in der Einzelhandelskrise.

Alles auf neu: Trotz Einzelhandelskrise durchgestartet

Jahrelang war sie selbst Kundin in dem kleinen Buchladen gegenüber der eigenen Wohnung. Dann drohte plötzlich die Schließung, weil die Inhaberin Schwierigkeiten hatte, eine Nachfolge zu finden. Also kam Eleonore Hofmann auf die Idee, den Laden einfach selbst zu übernehmen. Immerhin ist sie quasi vom Fach. Zwar blieb die Deutsch- und Sportlehrerin nach dem zweiten Staatsexamen wegen der Söhne zu Hause, doch die waren indessen alt genug, um auszuziehen und ein eigenes Leben zu beginnen. „Da kam mir der Buchladen als neue Aufgabe gerade recht“, berichtet die heutige Chefin. Auch Ehemann Alfred, ausgebildeter Jurist und damals noch bei einer großen Versicherung, fand die Idee gut und erklärte sich sofort bereit, seine Frau dabei zu unterstützen. Seitdem er in der „Ruhephase“ der Altersteilzeit ist, betrachten die beiden ihn als „Event-Beauftragten“ des Bessunger Buchladens. Er kümmert sich um Vorbereitung und Durchführung der beiden großen Lese-Festivals in Darmstadt, deren Mitinitiator und Mitveranstalter der Buchladen ist: Das Jugend- und Kinderliteraturfestival „Huch, ein Buch“ findet bereits zum fünften Mal statt, und die Darmstädter Krimitage gehen wegen der überragenden Resonanz im Premierenjahr nun auch schon in die zweite Runde.

Zwei Quereinsteiger mit viel Engagement und Herzblut

Das Tagesgeschäft stemmt hingegen Ehefrau Eleonore. „Sie findet, dass ich mich jetzt ruhig auch mehr im Laden beteiligen könnte“, verrät Un-Ruheständler Alfred schmunzelnd. Glücklicherweise wird sie von der langjährigen Mitarbeiterin Judith Kautz unterstützt. Bei Übernahme des Buchladens war es Bedingung, dass sie als Angestellte ebenfalls übernommen wird. „Und das war gut so! Sie kannte alle Kunden und Abläufe. Dass wir uns nicht allein überall hineinfinden mussten, hat sehr geholfen“, so die zwei Quereinsteiger im Rückblick. Heute merkt niemand mehr, dass keiner der beiden gelernter Buchhändler ist. Souverän plaudern sie über das Buchmessegeschehen in Leipzig und Frankfurt, Neuerscheinungen, die Vergabe aktueller Buchpreise und über konkurrierende Entwicklungen im Vertrieb. „Interessanterweise leiden die großen Buchhandelsketten unter E-Book und Internet weit mehr als wir kleinen, spezialisierten Läden“, erläutert Alfred Hofmann. Ehefrau Eleonore sieht einen der Gründe darin, dass die Leserschaft zu achtzig Prozent weiblich ist. „Frauen fliegen nicht auf jede neue technische Spielerei. Sie sind meist treue Kunden aus der Umgebung, die persönliche Beratung wollen“, erläutert sie. Damit nennt sie gleich mehrere Zutaten zum Erfolgsrezept: Service, Beständigkeit und regionale Nähe. Auch das hauseigene Motto „Klein, fein, gleich nebenan“ transportiert diese Inhalte.

Erfolgsrezept mit einer großen Portion Kundennähe, Service und Beständigkeit

Um dieses Motto glaubhaft zu verkörpern, braucht es viel Leidenschaft und Liebe zum Buch. Beide Ehepartner sind überzeugt, etwas Sinnvolles zu tun, indem sie „den Buchladen nebenan“ erhalten. Es sei einfach schön, wenn Mütter mit Kindern in den Laden kommen, um Bilderbücher zu kaufen, und wenn später auch diese Kinder zu Kunden und Lesern werden. So sehen sich die beiden ein bisschen in aufklärerischer Bildungsmission.

Eigentümer Alfred Hofmann

Ein Treffpunkt für Jung und Alt in Bessungen

Doch die soziale und kommunikative Komponente ist ihnen ebenso wichtig. Vermutlich erweitern deshalb köstliche Kaffeesorten aus Fairtrade-Anbau das Sortiment. Jeder, der den nur 55 Quadratmeter großen Laden betritt, wird von einer aromatischen Kaffeeduftwolke begrüßt. Wer möchte, kann sich mit einer Tasse des anregenden Getränkes und einem Stapel ebenso anregender Lektüre in die Lese-Ecke zurückziehen und ungestört blättern. Kein Wunder, dass die Türglocke regelmäßig läutet, um neue Besucher anzukündigen. „Ohne solche Treffpunkte veröden die Städte“, befürchtet Eleonore Hofmann, und Ehemann Alfred ergänzt, dass die soziale Funktion des Einzelhandels meist unterschätzt werde.

Mitarbeiterin Judith Kautz zieht am gleichen Strang, sie ist aktives Mitglied in mehreren Darmstädter Literatur- und Kulturinitiativen. „Das ist klasse“, freut sich die Chefin, „denn so sind wir noch besser vernetzt und kriegen regionale Kulturtrends und Entwicklungen frühzeitig mit!“ Leider ist manches davon eher unerfreulich, so wie die Schließung der Stadtteilbücherei. Ein herber Verlust, der trotz bürgerschaftlichen Einsatzes, an dem sich der Buchladen gleichfalls beteiligte, nicht verhindert werden konnte. „Büchereien sind für uns keineswegs Konkurrenz, sondern gerade für Kinder ein wichtiger Zugang zum Buch und oft der erste Einstieg ins Lesen!“, erklärt das engagierte Ehepaar. Sorgenfalten auf ihrer Stirn bilden sich auch, sobald sie über andere regionale Buchläden nachdenken. „Vor allem mittelgroße Geschäfte hat es hier in Darmstadt schwer getroffen – man stelle sich vor: eine Universitätsstadt ohne wissenschaftliche Buchhandlung!“, erinnert Alfred Hofmann an die Schließung der Fachbuchhandlung Wellnitz.

Doch dann zieht wieder ein Lächeln über sein Gesicht, als er von den Plänen die „Darmstädter Krimitage 2015“ in der Bessunger Knabenschule berichtet. Das Programm kann sich sehen lassen: Am Montagabend tauschen zwei Darmstädter Autoren die Rollen und lesen aus dem aktuellen Kriminalroman des jeweils anderen. Weiter geht es Dienstag mit „Politthriller made in Germany“, am Mittwoch gibt es eine Lesung der aktuellen Glauser- Preisträger (der Friedrich-Glauser-Preis ist einer der wichtigsten Krimipreise im deutschsprachigen Raum). Der Donnerstag ist Krimistoffen gewidmet, die einen historischen Hintergrund haben, und der „internationale Freitag“ präsentiert die Krimination Schweiz.

Solche Events auf die Beine zu stellen macht Spaß, aber auch viel Arbeit. Hinzu kommen etliche weitere Einsatzbereiche der Bessunger Buchhändler. Im Schnitt einmal pro Woche werden für externe Anlässe Büchertische zusammengestellt und betreut. Seit Jahren ist der Laden zusätzlich Kartenvorverkaufsstelle für Kleinkunst, man kooperiert mit Kulturveranstaltern wie Jagdhofkeller, Knabenschule, Centralstation und künftig vielleicht auch mit dem KIKERIKI THEATER. Außerdem kümmert man sich als Mitglied des „DUB“ (Darmstadts Unabhängige Buchhandlungen) um die Aktion „Bücherkoffer“ für die dritten Klassen an Darmstädter Grundschulen.

Mittlerweile ist der Bessunger Buchladen eine von hessenweit zwölf hr-iNFO-Partnernuchhandlungen

So viel Einsatz bleibt nicht unbemerkt, daher ist der Bessunger Buchladen mittlerweile eine von hessenweit nur zwölf hr-iNFO-Partnerbuchhandlungen und erhielt bereits zum zweiten Mal das „Gütesiegel Leseförderung – Anerkannter Lesepartner“ des hessischen Kultusministeriums. „Wir kennen jetzt schon zwei Kultusminister – vielleicht werden es ja noch mehr?“, mutmaßt Alfred Hofmann, und Eleonore Hofmann lacht: „An uns sieht man, dass ein erfolgreicher Neustart in der zweiten Lebenshälfte möglich ist. Wir jedenfalls haben es noch nie bereut!“