Das Böse lauert nebenan

Die Krimiautorin Brigitte Pons im Portrait


Mit 16 Jahren fing sie an – die Krimileidenschaft von Brigitte Pons. Sie saß vor dem Fernseher und schaute „Mord ist ihr Hobby“.

Die Serie war die Initialzündung für ihren ersten Krimi, aber es sollte noch eine lange Zeit vergehen, bis dieser fertig war. Erst einmal standen viele andere Dinge im Fokus: die Ausbildung zur Bankkauffrau, die Heirat und die Geburt von zwei Kindern. Eine turbulente Zeit, in der Brigitte Pons vieles tat, aber nicht schrieb. „Eigentlich waren es dann meine Kinder, die mich wieder zum Schreiben gebracht haben“, erzählt sie. „Wer kennt das nicht von seinen Kindern? Die lieben Kleinen haben tausende von Ideen, fangen mindestens genauso viele Dinge an, bringen aber nichts zu Ende.“ Anstatt sich darüber aufzuregen, hat sich Brigitte Pons selbstkritisch an ihr „liegengebliebenes“ Projekt erinnert – und wollte mit gutem Beispiel vorangehen. Sie hat also das alte Manuskript herausgekramt und die vor über 20 Jahren begonnene Geschichte zu Ende geschrieben. „Die Figuren waren mir sofort wieder präsent, es war, als hätte ich alte Bekannte nach langer Zeit endlich einmal wiedergetroffen.“ Die Leidenschaft für das Schreiben war plötzlich wieder da und ungebrochen. Dabei schrieb sie nicht nur für sich selbst im stillen Kämmerlein.

Neben Erzählungen und Kurzkrimis in zahlreichen Anthologien veröffentlichte Brigitte Pons auch Beiträge in Literaturzeitschriften. Und wurde glücklicherweise von einem Agenten entdeckt. Mit „Ich bin ein Mörder“ erschien 2011 ihr erster Kriminalroman, eine Hommage an Friedrich Dürrenmatt mit starken Bezügen zu seinem Werk „Der Richter und sein Henker“.

Nachrichten, Erzählungen, Recherchen und Phantasien gehören ebenso dazu. „Die Geschichte findet mich, nicht umgekehrt. Woher eine Idee konkret stammt, was der Auslöser war, kann ich oft nicht hundertprozentig sagen. Manchmal wird mir erst rückblickend bewusst, welche Ereignisse, Erfahrungen oder Gespräche in die Handlung mit eingeflossen sind. Natürlich entstehen die Geschichten auch nicht vollkommen aus dem Nichts. Sobald die Grundidee geboren ist, wird daran gebastelt und recherchiert, bis alles zueinanderpasst.“ Die Bilder des „Blauen Reiters“, einer der wichtigsten Künstlergruppen der Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Europa, haben Brigitte Pons schon immer fasziniert. Somit wurde Franz Marcs „Der Turm der blauen Pferde“, ein Gemälde, das seit 1945 verschollen ist, Dreh- und Angelpunkt für den zweiten Liebknecht-Krimi. Auch hier gelingt es ihr, die Spannung bis zu den letzten Seiten hoch zu halten. Neben der Spannung zeichnen sich die Romane auch durch ein gewisses Lokalkolorit aus. Das liegt daran, dass die Autorin die Region und den Menschenschlag hier kennt. 1967 in Groß-Gerau geboren, aufgewachsen in Büttelborn, lebt sie seit über 25 Jahren in Mörfelden-Walldorf. Das nächste Buch in der Reihe über Frank Liebknecht ist in Arbeit. „Nachtblau stirbt die Erinnerung“ wird es heißen und im März 2016 erscheinen. 

Es stellt sich die Frage, wie denn überhaupt die Geschichten entstehen und wie sich die Figuren entwickeln. Das sei ganz unterschiedlich, erzählt Brigitte Pons. „Es gibt Geschichten, die tauchen in meinem Kopf auf, mit Anfang und Ende. Dann kann ich daraus einen detaillierten Ablaufplan entwickeln. Es kann aber auch sein, dass ich zunächst nur eine Person und eine Szene sehe, ohne Zusammenhang. In dem Fall halte ich diese fest und warte, bis mir meine Muse den nächsten Ball zuspielt.“ Dabei schreibt sich nicht jedes Buch gleich. „Ich nehme mir die Freiheit, zu experimentieren und das eine Mal aus dem Bauch heraus, das nächste Mal völlig strukturiert zu arbeiten. So bleibt es immer ein spannender, inspirierender Prozess für mich“, erklärt die Autorin. Wirklich anstrengend sei es, den Plot zu entwickeln. Man müsse aufpassen, dass die Reihenfolge logisch ist, und dürfe nie aus dem Blick verlieren, was wann passiert. Denn für den Leser muss alles logisch aufgebaut sein, Brigitte Pons selbst kennt die „Geschichte“ ja schon. „Manchmal haben meine Figuren ein Eigenleben. Auch wenn ich die Charaktere vor dem Schreiben genau zu kennen glaube, überraschen sie mich zwischendurch gerne mit ungeplanten Handlungen“, erzählt die Autorin schmunzelnd. Um nicht den Überblick zu verlieren, gestaltet Brigitte Pons eine Mindmap – direkt an die Wand gepinnt, so wie man es aus den Fernsehkrimis kennt. Im „Tatort“ debattieren dann die beiden Kommissare – im Hause Pons sind es Brigitte und ihr Ehemann, der mitliest, mitdenkt und nebenbei auch noch ihr gnadenlosester Kritiker ist.

Harald Pons weiß, dass nicht nur er im Kopf seiner Frau herrumspukt, sondern auch immer noch all die Figuren des aktuellen Krimis. Und so hat er sich schon daran gewöhnt, dass seine Frau beim entspannten Saunieren plötzlich wie von der Tarantel gestochen aus der Sauna springt, um den Satz aufzuschreiben, der ihr gerade eingefallen ist. „Ich muss jederzeit Notizen machen können, egal wo ich bin. Ich stehe schon mal im Regen, den Schirm zwischen Schulter und Ohr geklemmt, und kritzele auf die Rückseite eines Einkaufszettels oder leihe mir in der Kneipe vom Kellner Papier und Stift“, erzählt die Krimiautorin. Gut, wenn die Ideen so sprudeln. Aber was macht man als Autorin, wenn einem gerade nichts einfällt? „Oh, das ist ganz einfach“, sagt sie. „Dann greife ich zum Staubsauger oder zum Bügeleisen.“ Da sie nicht wirklich großen Spaß an der Hausarbeit habe, dauern die Schreibblockaden dann auch gar nicht lange an. „Trotzdem brauche ich immer wieder einen räumlichen und zeitlichen Abstand zu der Geschichte“, erzählt sie.

Eine willkommene Abwechslung ist da die Arbeit bei der Volksbank Darmstadt – Südhessen. Einmal in der Woche ist sie im KundenServiceCenter der Volksbank anzutreffen. Von dort aus berät sie die Kunden kompetent – ein leichtes für die gelernte Bankkauffrau. Aber wie schaut ein typischer Schreibtag aus? Zum Teil habe man die gleiche Routine wie bei einem Bürojob. „Sonst geht nichts vorwärts“, erzählt sie lachend. „Wenn man professionell schreibt, braucht es auf jeden Fall eine Struktur.“ Sehr von Vorteil sei aber auch die Freiheit des Schreibens – man müsse nur aufpassen, dass man sich in den Recherchen nicht verliert. Zu einem Thema gibt es tausende von Aspekten, da kommt man sprichwörtlich vom Hölzchen aufs Stöckchen. „Zum Teil wirkt eine solche Recherche manchmal unkoordiniert, aber nichts ist umsonst, irgendetwas bleibt immer hängen und landet in der ‚Ursuppe‘“. Brigitte Pons hat nicht nur Spaß am Recherchieren und am Schreiben, sie liebt es auch, mit dem Publikum auf Entdeckungsreise in ihren Büchern zu gehen.