Erfolgreich mit Tschaikowsky und Schwebebalken

Mitgliedsportrait: Carolin Grün ist Musikerin und Turnerin

Mit dreizehn Jahren wird Carolin Grün Landessiegerin im Leistungsturnen und bei „Jugend musiziert“. 2016 im Alter von 15 Jahren erzielt Carolin den zweiten Platz beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" in der Kategorie "Violine solo".

Muss man sich so ein „Wunderkind“ vorstellen? Wohl eher nicht – Carolin Grün ist erfrischend normal geblieben und der ganze Wirbel, der um sie gemacht wird, scheint ihr sogar ein bisschen suspekt zu sein.

Das reichahltige musikalische Wissen ist ungewöhnlich. Alles andere nicht.

Klar freut sie sich über Erfolge und Komplimente, so wie jeder andere auch. Das einzig Ungewöhnliche an dem schmalen Mädchen mit blonden Haaren und Brille ist die Sicherheit und Bestimmtheit, mit der sie über Musik redet. Und der Wortschatz, den sie dabei benutzt: „Mozart ist fröhlich und elegant. Aber ich übe gerade Viotti und der klingt oft schmerzvoll – das ist nicht leicht zu spielen, wenn man noch nicht viel Lebenserfahrung hat.“ Sätze wie diese gehen ihr flüssig von den Lippen. Von anderen jungen Leuten hört man so etwas sonst nicht. Schulterzuckend erklärt sie, dass sie solche Beschreibungen hauptsächlich von anderen Musikern oder von Musiklehrern kennt. „Man tauscht sich aus und so sprechen wir eben, wenn es um die Musik geht.“

Mit einem Märchenkonzert fing alles an

Angefangen hat das alles, als Carolin sieben Jahre alt war. Damals besuchte sie ein Märchenkonzert für Kinder im Gotischen Haus in Bad Homburg. „Da war auch eine Geige! Und ich wusste plötzlich: Das will ich auch!“, sprudelt es aus ihr heraus und ihre Augen leuchten, als sie es sagt. Die Eltern halten die Bitte ihrer Tochter zunächst für kurzlebige kindliche Begeisterung. Aber Carolin bleibt hartnäckig, sie will Geige spielen lernen. „Wir haben das nie forciert“, beteuert ihre Mutter Brigitte, „dass sie Sport treibt, war uns wichtiger“, und Vater Hermann, selbst Musiklehrer, nickt bestätigend. Zum Zeitpunkt des schicksalhaften Märchenkonzerts besitzt die Siebenjährige nur eine Blockflöte und kann Noten lesen, das ist alles. Aber ihre Hartnäckigkeit fruchtet, beim nächsten Weihnachtsfest liegt die erste Geige unterm Baum, eine „Viertelgeige“ speziell für Kinder. Und sie überrascht alle, nicht nur ihre Eltern. Ohne Sport oder Schule zu vernachlässigen, beginnt sie, diszipliniert zu üben, und macht schnell Fortschritte. Ihr Pensum ist beachtlich, täglich ein bis zwei Stunden verbringt sie mit ihrem Instrument, hinzu kommen zweimal wöchentlich zwei Stunden Leistungsturnen und einmal wöchentlich die Ausbildung bei  ihrer Geigenlehrerin, der Frankfurter Professorin für Violine Susanne Stoodt.

Absoluter Wille, absolutes Gehör

„Manchmal, wenn ich mittags Training habe oder mit Freunden verabredet bin, weiß ich, dass es zum Geigeüben ein bisschen knapp wird. Dann stehe ich um fünf oder halb sechs auf und übe, bevor ich zur Schule gehe“, berichtet die mittlerweile Dreizehnjährige lakonisch, so als sei es das Normalste der Welt. Spätestens jetzt wird klar: Zu so etwas kann man niemanden zwingen – das muss jemand selbst wollen und freiwillig tun. Vor etwa einem Jahr sind außerdem Klavierstunden dazugekommen, denn Carolin hat festgestellt, dass sie ein zweites Instrument braucht, wenn sie später Musik studieren will. Solo-Violinistin bei großen Orchestern lautet ihr Berufswunsch. Erstes Etappenziel ist die Teilnahme 2016 beim Bundeswettbewerb von „Jugend musiziert“ in der Solo-Kategorie „Violine“. Vorbilder hat sie natürlich auch: Anne-Sophie Mutter, Janine Jansen und Hillary Hahn. Als Janine Jansen vor einiger Zeit ein Konzert in der Alten Oper Frankfurt gibt, will Carolin sie unbedingt spielen hören und am liebsten auch kennenlernen. Also überredet sie zuerst ihre Eltern und dann vor Ort den netten Pförtner. Das Ergebnis ist ein persönliches Zusammentreffen mit ihrem Idol, bei dem sie ein Autogramm (in den Geigenkasten!) und gute Tipps fürs eigene Geigenspiel bekommt. „Sie war total nett und hat sich richtig Zeit genommen“, schwärmt Carolin von diesem Erlebnis. Und wirkt in diesem Moment wie ein ganz normaler Teenager – nur dass sie eben nicht von „Justin Bieber“ spricht, sondern von der niederländischen Ausnahmeviolinistin Janine Jansen. Dass Carolin das absolute Gehör besitzt und Töne einwandfrei identifizieren kann, bemerkt sie eher nebenbei, genau wie ihre Fähigkeit zur synästhetischen Wahrnehmung: Carolin kann Farben sehen, wenn sie Musik hört, oder Töne hören, wenn sie ein Bild betrachtet. Beide Begabungen kommen ihr lange Zeit völlig normal vor und sie glaubt, dass alle anderen auch so hören, sehen und fühlen. „Manchmal hört sich ein Popsong blau an, aber die Licht-Show im Video-Clip ist gelb. Das fühlt sich dann falsch an“, versucht sie, ihre Art der Wahrnehmung zu beschreiben. Freunde und Mitschüler finden Carolins ungewöhnliche Talente übrigens sehr praktisch, denn sie nutzt sie zum Wohle aller: In der Grundschule wettet sie mit ihrer Musiklehrerin, dass sie Klaviernoten eindeutig erkennen kann, und gewinnt so eine Ladung Schoko-Küsse für die gesamte Klasse. Doch nicht nur, weil sie andere mit Süßigkeiten versorgt, sondern auch sonst erntet Carolin viel Zustimmung. „Meine Freunde freuen sich mit mir, wenn ich einen guten Auftritt habe oder einen Wettbewerb gewinne. Die meisten finden es toll, dass ich gut turnen und Geige spielen kann.“

Der lange Weg zum perfekten Instrument

Auch Eltern und Großeltern sind stolz auf sie, obwohl Musikunterricht und Instrumentenbeschaffung gelegentlich logistische und finanzielle Herausforderungen mit sich bringen. Als Carolin alt genug ist, um nach „Viertelgeige“ und „halber Geige“ auf ein volles Instrument umzusteigen, klappert die Familie beispielsweise die halbe Republik ab, bevor sie in Sachsen beim Geigenbaumeister Ekkard Seidl fündig wird. Wie es unter Geigenbauern Tradition ist, hat er dem neuen Instrument auch einen Namen gegeben: „Aldine“ ist im Klang einer Stradivari nachempfunden und soll Carolins musikalische Karriere jetzt erst mal eine ganze Weile begleiten. Lohnt sich der enorme Einsatz an Zeit und Engagement für sie überhaupt? Die Antwort ist eindeutig und kommt ohne Zögern: „Ja, Musik macht mich glücklich!“