Ein Leben am und auf dem Rhein

Georg Fretter im Porträt

Der Geschäftsmann Fretter ist in einer Familie groß geworden, die schon immer einen guten Geschäftssinn hatte.

Als Georg Fretter geboren wurde, war sein Vater auf dem Rhein unterwegs. Ohne Handy und Funk konnte man den Kindsvater gar nicht so einfach darüber informieren, dass sein Stammhalter auf die Welt gekommen ist. Kaum auf der Welt, schipperte der kleine Georg dann auch schon mit. Immer den Fluss entlang transportierte sein Vater Kies vom Oberrhein ins Rhein-Main-Gebiet. Der kleine Georg lebte fast viereinhalb Jahre auf dem Binnenschiff. Erst als seine große Schwester in die Schule kam, bezog die Familie eine Wohnung. „Das war schon eine Zeit der Entbehrung“, erinnert er sich. „Die Zeit schritt einfach ganz anders voran, alles war sehr begrenzt, das Wort Komfort existierte eigentlich gar nicht und wenn Nebel war, konnte man einfach nicht weiterfahren, da es noch kein Radar gab.“ 

Familie Fretter besaß weiterhin noch Schiffe, aber Georgs Vater fuhr nicht mehr selbst. Er übernahm zusammen mit seiner Frau das Kieswerk von Georgs Großeltern. Georg Fretter selbst betreibt es mittlerweile in der vierten Generation – und die nächste steht schon in den Startlöchern. Das Kieswerk war der Haupterwerb der Familie Fretter und der kleine Georg arbeitete von Anfang an mit. Als 12-Jähriger war er der „King“ im Kieswerk, wie er erzählt. „Ich war sehr selbstständig, durfte viele Entscheidungen treffen und habe vieles, eigentlich fast alles, allein gemacht.“ Georg Fretter hat schon immer richtig mit angepackt. Das habe er immer gerne gemacht, sagt er. Er ist ein Schaffer, emsig und immer aktiv – man kann sich gar nicht so wirklich vorstellen, dass der Anfang 50-Jährige einfach mal ruhig sitzenbleibt oder sogar die Beine hochlegt.

Georg Fretter ist in einer Familie groß geworden, die schon immer einen guten Geschäftssinn hatte. So gibt es neben dem Kieswerk viele verschiedene Zweige, wie zum Beispiel den Campingplatz mit 40 Dauercamperplätzen, den schon Fretters Großvater betrieb. Oder den Bootshafen – der entstanden ist, als bei Fretters noch selbst ausgebaggert wurde. „Schwer geschafft wurde schon immer in unserer Familie“, erzählt Fretter. „Die Lkw, die tagsüber im Kieswerk ihren Dienst taten, wurden nachts für den Winterdienst eingesetzt – das war ein Mehr an Arbeit, aber auch eine weitere Verdienstmöglichkeit.“ Heute verfügt Fretter nicht mehr über einen eigenen Fuhrpark. Dafür steuern einige der früheren Lkw-Fahrer mittlerweile die Fähre. Denn der Fährbetrieb war und ist ein weiteres Standbein der Familie Fretter. Die Rheinfähre Gernsheim ist neben der Rheinfähre Landskrone in Nierstein die einzige Möglichkeit, zwischen den beiden rheinland-pfälzischen Städten Mainz und Worms über den Rhein zu kommen. Sie verbindet auf der hessischen Seite die Stadt Gernsheim mit der rheinhessischen Gemeinde Eich. 1983 hatten Fretters Eltern die Fähre vom Land Hessen gekauft. Hintergrund waren die enge Verbundenheit mit der Schifffahrt und natürlich ein guter Geschäftssinn. Nachdem Fretter im Jahr 2000 das Kieswerk übernommen hatte, kam 2013 der Fährbetrieb dazu, da die Eltern in ihrem Alter keine Schulden mehr machen wollten. Ziemlich bald fiel die Entscheidung, eine neue Fähre zu bauen. Denn das alte Fährschiff „Stadt Gernsheim“ (Baujahr 1965) war mit der Zeit einfach zu schmal für die heutigen Autos geworden. Passten 1965 noch 24 Autos auf die Fähre, waren es in der heutigen Zeit nur noch 19. Zudem zeigte sie gelegentlich Zeichen von Altersschwäche. Die Idee einer neuen Fähre hatte Fretter schon länger – aber da waren es noch Generationsunterschiede, die die Investition in die Zukunft etwas blockierten.

Im Herbst 2013 begann dann der Bau in einer Werft in Remagen. Die neue Fähre „Helene“ ist 62 Meter lang und damit die längste Fähre, die jemals den Rhein befahren hat, 350 Tonnen schwer mit 1.000 PS. Da die Landeklappen nun länger sind als beim Vorgänger, mussten die Anlegestellen in Gernsheim und Eich komplett saniert werden. Die Fahrspuren sind nun jeweils drei Meter breit und bieten genügend Platz für 28 Fahrzeuge.

Georg Fretter hat einen Vertrag mit dem Land Hessen, in dem er sich verpflichtet, die Fähre zu fahren. Einen Ausfall gibt es eigentlich nur bei Hochwasser – einmal war das alte Fährschiff kaputt. Von dem alten Schiff trennte sich Fretter leichten Herzens. Mit Inbetriebnahme der neuen Fähre wurde die alte verkauft.

Foto: ©Patrick Liste

Hinter sieben Türen liegt das Herz der 3,5 Millionen Euro teuren „Helene“. Zentrale Steuerung und Navigation, zwei Hydraulikkammern, zwei Generatoren und – bisher einmalig bei Rheinfähren – Ankerpfähle, mit denen das Fahrzeug an Bug und Heck fixiert werden kann. Bordnetz-Notbatterien sorgen dafür, dass bei Stromausfall jeder der vier 250 - PS - Motoren mit Ruderpropeller für sich versorgt wird. „Wir haben eine Supersicherheit an Bord“, begeistert sich Fretter für seine neue Fähre. Er selbst schult seine Fährführer auf das neue Schiff. Fretter fährt selbst, er ist Profi und kann selbstverständlich abschätzen, ob man noch übersetzen kann oder nicht – die Berufsschifffahrt hat immer Vorfahrt. Neben dem unerlässlichen Blick auf den Radarschirm ist auch ein hohes Maß an Erfahrung vonnöten. Die hat Fretter auf jeden Fall. Er selbst hat nach der Schule Betriebswirtschaftslehre in Mainz studiert, am Wochenende hat er aber immer im Kieswerk gearbeitet. Die Arbeit hat immer viel Raum und Zeit eingenommen. Als Jugendlicher hat er Fußball gespielt, fürs Training hat die Zeit meistens noch gereicht, aber bei den Spielen samstags konnte er eigentlich nie dabei sein.

Was macht einer wie Georg Fretter in seiner Freizeit? „Ich segele sehr, sehr gerne“, schwärmt er von seinem Hobby. Meistens bleibt dafür aber nur die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr – seine Urlaubszeit. Mit 60 möchte er aufhören zu arbeiten – oder vielmehr nicht mehr so aktiv jeden Tag auf der Matte stehen, nicht mehr immer verfügbar sein müssen und lieber im Hintergrund agieren. „Ich kann auch mal lockerlassen“, sagt er von sich selbst. Sein Sohn steht schon in den Startlöchern, der 19-Jährige studiert in Darmstadt eine Kombination aus Elektrotechnik und BWL – auch er ist wie sein Vater in der Heimat verwurzelt und von Anfang an in der väterlichen Firma groß geworden. Für die neue Fähre hat er die Kameraüberwachung programmiert. Mit einer solchen Ausbildung und mit den „fretterschen“ Unternehmer-Genen ausgestattet, kannman sich eigentlich sicher sein, dass sich der Erfolg der Familie fortsetzt.