"Sie konnte reiten, bevor Sie das Radfahren lernte"

Mitgliederporträt: Westernreiterin und Vize-Europameisterin Lena Henkelmann

Wohnhaus, Stallungen und Weideflächen irgendwo in der Nähe von Mannheim – so sieht das Zuhause von Lena Henkelmann aus.

Wer die ein wenig abseits gelegene kleine Westernranch ihrer Eltern gefunden hat, wird sofort von Hausschwein, Hunden, Hühnern, Pferden und einem Mini-Pony begrüßt, bevor irgendein menschliches Familienmitglied die Chance hat, auch nur "Guten Tag" zu sagen.

Mittendrin eine große, schlanke junge Frau mit Westernbluse und langen Haaren, die sich endlich mal wieder persönlich um ihre beiden Westernreitpferde (im Fachjargon „Quarter Horses“) kümmern kann. Die achtzehnjährige Lena Henkelmann lebt während ihrer Ausbildung zur Pferdewirtin in der Nähe Hannovers und ist nur noch selten daheim. Im vergangenen Jahr erschien sie in der Westernreitszene scheinbar wie aus dem Nichts, heimste bei der Europameisterschaft gleich zwei Medaillen ein und erreichte in der Deutschen Highpoint-Wertung für „Western Riding Youth“ den ersten Platz. Ihr Erfolgsgeheimnis: sie saß bereits in einem Alter auf dem Pferderücken, in dem andere Kinder sich gerade so eben mit Stützrädern aufs Fahrrad trauen. Trotz ihrer frühen Begeisterung fürs Reiten fing sie jedoch erst vor zwei Jahren damit an, Unterricht zu nehmen und sich systematisch auf Wettbewerbe vorzubereiten. Wohl deshalb war ihre Erfolgsserie 2013 eine ziemliche Überraschung. Bescheiden wiegelt sie ab und lobt den Wallach „Sam Leaguer“, den sie während der Europameisterschaft geritten ist.

Trotz der allgemeinen Pferdebegeisterung in der Familie waren die Eltern skeptisch, als Lena verkündete, sie wolle eine Ausbildung zur Pferdewirtin machen. Da schien es eine gute Idee zu sein, die damalige Schülerin zu einem längeren Praktikum auf der „Freestyle Ranch“ im Odenwald zu ermutigen. „Wir dachten, wenn sie sieht, wie anstrengend der Beruf sein kann, vergeht ihr das wieder“ erinnert sich Vater Frank grinsend. Doch der Plan ging nach hinten los: Lena fand Gefallen an der vielseitigen Tätigkeit und ist inzwischen Auszubildende bei der „Circle L Ranch“ in der Nähe Hannovers – einem der größten, ältesten und bekanntesten Westernpferdehöfe Deutschlands. Dorthin will sie bald auch „Good Dress“ mitnehmen, schwärmt sie mit leuchtenden Augen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ihr Lieblingskleid, sondern um einen bildschönen neunjährigen Hengst, den sie in Südtirol entdeckte und wegen einer Verletzung günstig kaufen konnte. „Die Verletzung hat er super auskuriert, so dass ich bald anfangen kann, ihn auf Turnieren zu reiten“ erklärt sie voll Vorfreude. Damit mehr Zeit fürs gemeinsame Training bleibt, soll er nun mit zum Ausbildungsplatz. Die Familie sieht es gelassen, genau wie Freund Steffen. Sie alle tolerieren, dass Lena ihr Hobby zum Beruf gemacht hat. In ein paar Jahren will sie definitiv auf den elterlichen Hof zurückkehren und ihn als Pferdetrainerin für Quarter Horses weiterführen – im Idealfall mit eigner Pferdezucht – als Stammvater natürlich „Good Dress“!