Das Durchhaltevermögen des Langstreckenläufers

Mitgliederportrait: Wolfram Grüneklee braucht langen Atem

Forstdirektor und Marathonläufer – das ist eine Kombination, die nur auf den ersten Blick  ungewöhnlich erscheint. Denn im Grunde benötigt Wolfram Grüneklee für beide Tätigkeiten genau dieselben Eigenschaften und Talente, um ans Ziel zu kommen: Weitsicht, Geduld und  Durchhaltevermögen. Auf den ersten Blick entspricht Wolfram Grüneklee durchaus dem Klischee eines typischen Försters: bärtig, gut gelaunt, die Kleidung eher sportlich-praktisch. Fast erwartet man, dass er gleich den Lodenmantel anzieht, einen Filzhut mit Gamsbart aufsetzt und österreichisch redet wie der „Förster vom Silberwald“. Doch dieser Moment verfliegt schnell.  Wolfram Grüneklee stammt ursprünglich aus dem Ruhrpott und lebt schon lange in Südhessen, also schon mal keine Spur von österreichischem Akzent. Sobald er von seiner Arbeit im Wald  erzählt, benutzt er Begriffe wie „Primärproduktion“, „Neophyten“ oder „multifunktionale  Forstwirtschaft“. Sein offizieller Titel lautet „Gebietsforsteinrichter“ oder auch „Senior Forest  Planer“. Die englische Visitenkarte ist kein Spleen, sondern wird bei Auslandseinsätzen regelmäßig benötigt. Wolfram Grüneklee war allein siebenmal in China, wo er Projekte in vier verschiedenen Provinzen betreute. Auch nach Georgien ist er von Berufs wegen schon mehrmals gereist.

 

Die Ursprünge der nachhaltigen Forstwirtschaft liegen in Hessen

Als Experte ist er gefragt, hält Vorträge und arbeitet als Berater bei Neuanpflanzungen.  Kopfschüttelnd berichtet er von Chemieeinsatz, reiner Plantagenwirtschaft und Monokulturen in anderen Ländern. „Deutschland ist in der Forstwirtschaft weltweit führend – und das haben wir einem Hessen zu verdanken!“, erklärt er seine häufigen Dienstreisen. Gemeint ist der  Forstwissenschaftler Georg Ludwig Hartig (1764–1837) – er war Landesforstmeister, gründete mehrere Forstschulen und richtete später an der Universität Berlin den ersten Lehrstuhl für Forstwirtschaft ein. Bereits 1795 beschäftigte er sich intensiv mit Fragen einer nachhaltigen  Waldwirtschaft. Mit ökoromantischen Vorstellungen sollte dies jedoch nicht verwechselt werden, betont Wolfram Grüneklee. Dogmen wie das kategorische „Baum ab – nein danke“ lehnt der  studierte Forstwirt ab. Sie zeugen eher von einer naiven Einstellung, erklärt der Fachmann, da Holz als nachwachsender Rohstoff unverzichtbar ist. Weitverbreitet auch der Glaube, dass  Laubbäume grundsätzlich „besser“ sind als Nadelbäume, doch reiner Buchenwald ist auch eine Monokultur, in der nichts anderes mehr gedeiht und die irgendwann anfällig für Schädlinge werden kann. Es sollten daher „Mischwälder“, also eine Mischung aus Laub- und Nadelbäumen, bevorzugt werden, da diese sich als besonders stabil erwiesen haben. Auch Neophyten, also „zugewanderte Pflanzen“, sieht er nicht als grundsätzlich übel an, sondern nur wenn sie zu stark wuchern und einheimische Pflanzen dadurch bedroht sind. „Der Klimawandel führt zwangsläufig dazu, dass sich die Natur anpassen muss. Da können Neophyten ein Teil der Lösung sein.“ Er  bedauert, dass viele Menschen der Natur heute regelrecht entfremdet sind oder sie gar als „Ersatzreligion“ ansehen, statt ganz selbstverständlich in ihr und mit ihr zu leben.

Vielfältige Funktionen, lange Planungszeiträume

„Ein Wald hat eben viele Funktionen – er ist Holzproduktionsbetrieb, Trinkwasserreservoir,  Naherholungsgebiet, Sauerstoffproduzent, Lernumgebung für Naturerfahrung und im Idealfall  natürlich auch lebendiges Biotop für artenreiche und vielfältige Tier- und Pflanzenwelt!“, fasst der Förster zusammen, was mit „multifunktionaler Forstwirtschaft“ gemeint ist. Auch die extrem langen Planungszeiträume sind eine Besonderheit seines Berufs. „Unsere Produkte werden zwei- bis dreihundert Jahre alt! Da muss man vieles wissen und berücksichtigen: Klima,  Bodenbeschaffenheit, Pflanzenkunde.“ Kein Wunder, dass er findet, man solle weniger  pauschalisieren, sondern müsse alles differenziert betrachten. Zu seinen wichtigsten Aufgaben zählt er denn auch die Information der Öffentlichkeit und den Interessenausgleich zwischen den verschiedenen Anforderungen, die heute an einen Wald gestellt werden. Um gute Öffentlichkeitsarbeit kümmert er sich übrigens nicht nur bei der Arbeit, sondern auch während  seiner Freizeit: Wolfram Grüneklee ist unter anderem ehrenamtlich aktiv für die  „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“ (kurz SDW), er organisiert Infoveranstaltungen, beteiligt sich an Baumpflanzaktionen und macht Ranger-Führungen im Wald. Sich für die Natur zu  engagieren macht ihm einfach Spaß. „Förster wird nur, wer sich dazu berufen fühlt!“, erklärt er seine Leidenschaft.  

Faszinierende Trainingsstrecke direkt vor der eigenen Haustür

Und er schätzt sich glücklich, weil seine Familie diese Leidenschaft teilt. Beispielsweise pflegen Grüneklees einen ausgedehnten und halbwilden Hanggarten hinterm Haus, in dem sich auch schon mal ein seltener Feuersalamander blicken lässt. Ehefrau Barbara hat sogar den Jagdschein gemacht und isst Wildbret – obwohl sie normalerweise eigentlich Vegetarierin ist.  „Massentierhaltung ist eine schlimme Tierquälerei – viel schlimmer als gezielte Jagd auf Tiere, die zuvor ihr Leben in Freiheit verbracht haben!“, erklären beide Ehepartner einhellig den scheinbaren Widerspruch. „Und es ist wichtig, gut zu schießen!“, ergänzt Wolfram Grüneklee, der selbst Jungjäger ausbildet. „Wenn ein Tier nur angeschossen ist und dann noch Stunden oder Tage verletzt durch den Wald irrt, dann ist auch das Tierquälerei“, so seine Begründung. Ganz klar, auch hier ist eine differenzierte Sichtweise angebracht. Seinen Beruf liebt er noch immer wie am Anfang, nur eines bedauert er: „Die Verwaltungsarbeit am PC hat enorm  zugenommen – das ist weniger schön.“ Ein echter Förster ist nun mal am liebsten draußen in Wald und Flur. So kommt er auch zu seinem sportlichen Hobby: Vor knapp zehn Jahren beginnt er in der „Sportgemeinschaft Hessenforst“ mit dem Marathontraining, Heimatstrecke ist der landschaftlich wunderschöne Panoramaweg im Odenwald. „Der wird mir nie langweilig“ – wohl wie alles andere an der Natur und an seinem Beruf!