Unternehmensnachfolge:

Runduminformation und Netzwerken beim 2. Darmstädter Unternehmerfrühstück der Volksbank Darmstadt-Südhessen eG mit der MOOG Partnerschaftsgesellschaft mbB

„Unternehmerherzblut und rechtzeitige Beratung“

Es war ein umfassendes Informationsangebot, dass die Volksbank Darmstadt-Südhessen eG ihren Gästen beim 2. Darmstädter Unternehmerfrühstück in den eigenen Räumen in der Darmstädter Hügelstraße machte. Bei dem Treffen der Darmstädter Wirtschaft ging es dieses Mal um die Unternehmensnachfolge, die integriert von der Seite der Unternehmensbewertung, der Nachfolgefinanzierung sowie der steuerlichen Konsequenzen betrachtet wurde. Volksbank-Vorstand Michael Mahr machte bei seiner Begrüßung die Bedeutung des gerne verdrängten Themas deutlich, denn in den kommenden Jahren seien 500.000 bis 1 Mio. Mitarbeiter vom Übergang ihres eigenen Arbeitgebers betroffen: „Die biologische Uhr tickt, aber nicht jeder gestandene und erfahrene Unternehmer will auf sie hören“.

Michael Haase, Gesellschafter der mitveranstaltenden MOOG Partnerschaftsgesellschaft mbB, stellte kurz die wirtschaftsrechtlich ausgerichtete, multidisziplinäre Kanzlei für Rechts- und Steuerberatung sowie Wirtschaftsprüfung vor. Sie wird von 13 Gesellschaftern geführt und berät mit weiteren 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern v. a. Unternehmen, Kapitalgesellschaften und Privatpersonen. An den Standorten Darmstadt, Dresden und Freiberg (Sachsen) sind insgesamt 31 Berufsträger – Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte – tätig. Seit Juni 2017 können auch notarielle Leistungen in Anspruch genommen werden. Als Mitglied der MSI Global Alliance, einem weltweiten Zusammenschluss mittelständischer Steuerberater- und Rechtsanwaltskanzleien, verfügt die MOOG Partnerschaftsgesellschaft über eine starke internationale Beratungskompetenz.

Schrotthaufen oder Nobelkarosse?

Über den Unternehmenswert und die Bewertung sprach zunächst Stefan Benzing, Abteilungsleiter Corporate Finance bei der DZ Bank AG. Dabei gehe es um die „ökonomische Attraktivität“ – ein Thema für M & A-Beratung (Mergers & Acquisitions) bei Transaktionen und Verkauf. Die unterschiedlichen Blickwinkel und Erwartungshaltungen verdeutlichte der Referent mit dem Bild eines Schrotthaufens und einer Nobelkarosse – so könne Verkäufer oder Käufer/Nachfolger dasselbe Unternehmen unterschiedlich einordnen. 70 % der Unternehmer hätten hier eine doppelt so hohe Einschätzung wie der Markt, denn schließlich gehe es auch um den emotionalen Wert, das Herzblut, das jemand ein Leben lang investiert hat. Bei der Unternehmensbewertung zähle jedoch schlicht die Fähigkeit eines Betriebes, in Zukunft „nachhaltige Erträge zu erwirtschaften“. Unterschiedliche Anlässe erforderten dabei unterschiedliche Verfahren. Die steuerliche Methode mit dem 13,5-fachen des Vorsteuerergebnisses werde am Markt nicht erzielt, das Marktverfahren rechne mit dem EBIT mal 5 oder mal 8, wissenschaftlich fundiert sei das sog. „Investitionstheoretische Verfahren“.  Ein Beispiel für eine solche Aufgabe sei die Übergabe des Betriebs an den Sohn, der daraufhin die Schwester ausbezahlen solle. Nicht nur die reine Zahlenwelt entscheide hier, sondern Fragen beispielsweise der Führungssituation, der Frage wieviel Umsatz an die Unternehmerpersönlichkeit gebunden ist oder wie die Kundenstruktur aussieht. Mit einem methodenpluralistischen Ansatz solle der Wertkorridor einer realistischen Bandbreite erreicht werden. Benzing sprach auch über Preise, die Bewertung ab 5 Mio. Jahresumsatz sei für rund 4.900 Euro zu haben. Dabei sei Wert nicht gleich Preis. Bei Erbschaft, Schenkung, Abfindung oder Kauf innerhalb der Familie sei das Wertempfinden oft wichtiger als die Höhe des Preises, im Gegensatz zum Verkauf auf dem freien Markt. Preisbeeinflussende Faktoren seien immer die Höhe der Anteilsabgabe, die Übergangsregelungen, der richtige Zeitpunkt, auf den eingangs bereits Michael Mahr hingewiesen hatte, sowie die Finanzierungsbereitschaft von Dritten – und schließlich die Synergiepotentiale im neuen Verbund des Übernehmers.

Nachfolge als Existenzgründung

3,6 Mio. kleine und mittlere Unternehmen stellten 99,5 der Betriebe in Deutschland mit 16 Mio. Beschäftigten. Nach Schätzung des DIHK gingen 50 % davon bis 2023 in neue Hände über, so die eindrucksvollen Zahlen, die Alexander Schütz vortrug, Bereichsleiter Firmenkundenbetreuung bei der Volksbank Darmstadt-Südhessen eG. Er beleuchtete die Finanzierungsformen der Unternehmensnachfolge. Beim für die nächsten Jahre erwarteten Wechsel von rund 150.000 KMUs nehme eine Regelung außerhalb der Familie stark zu. Oft seien die Unternehmer nicht vorbereitet, hätten keinen passenden Nachfolger aufgebaut oder könne der Chef einfach „nicht loslassen“.  Man müsse sich auf die Unternehmensnachfolge vorbereiten, die eine Übertragung innerhalb der Familie sein kann, ein Verkauf an Externe, eine Betriebsverpachtung oder auch die Einstellung eines neuen Geschäftsführers. Idealerweise folge nach der rechtzeitigen Sensibilisierung des Unternehmers und der rechtlichen Vorbereitung die wirtschaftliche Vorbereitung, der Auswahlprozess sowie eine Übergabephase. Ganz wichtig ist für Schütz der Blickwinkel, jede Nachfolge als Existenzgründung des nächsten Unternehmers zu betrachten. Hierzu gehöre natürlich ein Businessplan mit Aussagen zur Geschäftsidee, den persönlichen Voraussetzungen, der Markteinschätzung usw. bis hin zur Rechtsform und der Investitionsplanung. An diese Position gehöre dann auch die Besprechung mit dem Finanzpartner, beispielsweise der Volksbank. Bei den Finanzierungmöglichkeiten verwies Schütz auf Programme und Fördermittel von KfW und weiteren öffentlichen Institutionen, so auf ERP-Gründerstartgeld, -Gründerkredite und -Kapital: „Die Volksbank Darmstadt Südhessen eG berät hier umfassend und begleitet auch bei der Einbindung einer Bürgschaftsbank“. Gefördert von KfW und WI-Bank Hessen gebe es Unternehmerkredite und auch Mikrokredite für kleine Startups. Bei fehlenden Sicherheiten und Volumina über 100.000 Euro können die Bürgschaftsbank Hessen einspringen. Insgesamt gebe es vielfältige Kombinationsmöglichkeiten. Die Begleitung von Betriebsübernahmen gewinne immer mehr an Bedeutung, weil diese immer weniger innerhalb der Familie stattfänden, so Alexander Schütz, der mit den Worte schloss: „Wer Führung übernimmt, braucht gute Beratung“.

Keine Unternehmensnachfolge ohne steuerliche Planung

Über die „Unternehmensnachfolge und steuerliche Konsequenzen“ sprach zum Abschluss Dipl.-Finanzwirt Peter Degel, Gesellschafter der MOOG Partnerschaftsgesellschaft, Vereidigter Buchprüfer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Steuerrecht. Wesentliche Grundlage ist für ihn das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2014, nachdem eine zu hohe Freistellung von nicht unternehmerisch notwendigem Vermögen, dem sogenannten Verwaltungsvermögen, mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist. Eine Lohnsummenregelung griff bis dahin erst ab 20 Beschäftigten und begünstigte deshalb 90 % der Betriebe in Deutschland. Nach dem bisherigen Recht konnte bei einem Verwaltungsvermögen unter 10 % ein Verschonungsabschlag von 100 % gegeben werden, bis zu 50 % ein Abschlag von 85 % und erst bei mehr als 50 % Verwaltungsvermögen gab es keine Verschonung.

Seit Juli 2016 gilt die gesetzliche Neuregelung, die Verwaltungsvermögen von der Begünstigung ausnimmt. Nur noch für das begünstigte Betriebsvermögen gibt es entweder eine Verschonung von 85 % oder 100 % Verschonung, wenn bestimmte Behaltensregelungen eingehalten werden. Als „schädliches" Verwaltungsvermögen gelten beispielsweise fremd vermietete Grundstücke und Immobilien. Ausnahme sind Vermietungen „zur Förderung eigener Erzeugnisse“ wie verpachtete Gaststätten von Brauereien. Ebenso zum Verwaltungsvermögen gehören die Anteile an Kapitalgesellschaften bei einer Beteiligung von unter 25 %, Kunst (wenn es nicht gerade eine Galerie ist), die sprichwörtliche Briefmarkensammlung, Oldtimer, Segelyachten usw., ebenso Wertpapiere u. Bankguthaben und Forderungen nach dem Abzug von Schulden. In einem Rechenbeispiel machte Degel nochmals die Auswirkung der gesetzlichen Neuregelung und die hieraus resultierenden Mehrsteuern deutlich. Der Referent stellte die drei Prüfungsschritte bis zur Ermittlung des begünstigten Vermögens vor. Empfehlenswert ist demzufolge immer ein möglichst geringes Verwaltungsvermögen, um eine völlige oder eine Steuerfreistellung von 85 % zu erreichen.

„Was kann man tun?“

Zu den daraus resultierenden Handlungsempfehlungen zählte Degel eine ausführliche Analyse der Unternehmensdaten und eine rechtzeitige Planung des Übergabezeitpunktes – eine Übertragung von Todes wegen sollte vermieden werden, weil dann eine liquiditätsschonende Steuerreduzierung dem Zufall überlassen wird. Weiter riet er zu einer Reduzierung des Verwaltungsvermögens und stellte konkrete Handlungsschritte vor. Unter dem Stichworte „junges Verwaltungsvermögen“ warnte er davor, in den zwei Jahren vor der Übertragung Verwaltungsvermögen in das Unternehmen einzulegen.

Die Intensität der Fragerunde, viel mehr aber die vielen anschließenden Einzelgespräche machten die Brisanz dieses existenziellen Themas deutlich. Das Format des Darmstädter Unternehmerfrühstücks der Volksbank wurde in angenehmer Atmosphäre zum regen Austausch genutzt – und machte so seinem Namen alle Ehre.